Hallo Hulda,

wie versprochen die Antwort, zuerst über den heiligen Geist im Thomasevangelium.

Jesus benutzt den Begriff nur einmal:

(44) Wer den Vater beleidigt, dem wird verziehen; wer den Sohn beleidigt, dem wird verziehen; wer aber den heiligen Geist beleidigt, dem wird weder auf der Erde noch im Himmel verziehen werden.“

Das ist im Grunde die NT-Version mit Einbeziehung des Vaters, ein wichtiges Detail. Für die Autoren des NT war es undenkbar, Gott zu beleidigen.

Ich unterscheide mich von allen Bearbeitern des Thomasevangeliums, weil ich es primär nicht im Zusammenhang mit dem NT, sondern eigenständig behandle. Der Grund ist die Einleitung:

„(1) Und er sprach: Wer die Deutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.“

 wo auf eine verborgene Botschaft hingewiesen wird und Spruch 2, gleich im Anschluss:

„(2) Jesus sprach: Lass den Suchenden nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrecken; und wenn er erschrickt, wird er staunen; und er wird über alles herrschen.“

Außerdem Spruch 5:

„(5) Jesus sprach: Erkenne das, was sich vor dir befindet, und das, was vor dir verborgen ist, wird sich dir enthüllen; denn es gibt nichts Verborgenes, was sich nicht offenbaren wird.“

Daraus habe ich geschlossen, dass man die Sprüche nur im Zusammenhang deuten kann, um das Rätsel zu lösen und dass gesunder Menschenverstand der Weg ist: die Vernunft. Das Wort PNEUMA kann man wie das Wort LOGOS als „Vernunft“ auffassen. Dann ist aber der „heilige“ oder auf griechisch und koptisch „reine“ Geist auch die reine Vernunft.

Für Spruch 44 heißt das interpretiert: Man darf sich über die Natur lustig machen oder über den Philosophen, niemals aber über die Vernunft.

Die Vernunft ist also der Schlüssel zum Thomasevangelium. Selbst die mystisch wirkenden Sprüche haben eine einfache und logische Bedeutung.

 

Dann zur Auferstehung, dem zentralen Punkt im Christentum. Sie wird eigentlich nicht explizit genannt, vielleicht kommt sie in Spruch 51 vor:

„(51) Seine Schüler sagten zu ihm: An welchem Tag wird die Auferstehung der Toten eintreten, und an welchem Tag wird die neue Welt kommen? Er sprach zu ihnen: Jene, die ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr erkennt sie nicht.“

Eigentlich steht da aber „Ruhe“ (ANAPAUSIS) und nicht ANASTASIS.

Trotzdem spielt die Frage nach Leben und Tod eine zentrale Rolle. Jesus nennt diejenigen tot, die nach Macht, Geld und Ansehen streben und die lebend, die sich selbst als Kind des lebendigen Vaters erkannt haben (Spruch 3). Und dann ist da ja noch das Versprechen „den Tod nicht zu schmecken“.

Der Schlüsselsatz ist Spruch 4:

„(4) Jesus sprach: Der Mensch in seinen alten Tagen wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen zu befragen über den Ort des Lebens, und er wird leben; denn viele Erste werden Letzte sein, und sie werden ein Einziger sein.“

Das ist ein sehr vielschichtiger Spruch, aber in seiner Kernaussage einfach: Geburt und Sterben ist dasselbe. Uns kommt die Reinkarnation seltsam vor, weil wir uns vorstellen als der, der wir waren wiedergeboren zu werden. Das sahen die Stoiker aber viel logischer. Seneca:

Die Zeit wird wiederkommen, wo wir ans Tageslicht zurückgebracht werden; und viele würden dagegen protestieren, wären sie nicht ohne Erinnerung an die Vergangenheit zurückgebracht worden (Seneca Epist Luc 36, 10).“

Die Reinkarnation steht insofern im Einklang mit der Naturwissenschaft, als das Leben ein biochemischer und damit ein physikalischer Prozess ist. Wir kennen aber keinen physikalischen Prozess, der sicher einmalig wäre („Singularität“).

Es gibt auch eine psychologische Erklärung, weshalb diese Sicht der kirchlichen überlegen ist: Der dort versprochene Zustand unveränderlichen und ewigen Lebens ist unvorstellbar. Leben ist Veränderung. Wer wollte in einem Zustand sein, der sich nicht verändert? Das ist nur ein anderes Wort für „tot“. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte nach dem Sterben, dann wäre es, noch einmal auf dieser Welt eine ganz neue Chance zu bekommen, genau das, was das Thomasevangelium verspricht.

Die zweite Schicht von Spruch 4 ist das Paradoxe, ein wichtiges Jesus-Stilmittel: Man kann den Säugling fragen, was man will, er wird nicht antworten. Und das führt indirekt auf ein viel größeres Geheimnis: Unser Ich hängt zwar am Körper, der geboren werden und sterben muss, das Ich entsteht aber aus den Einflüssen unserer Umgebung, erkennbar an dem sich ausbildenden Gedächtnis, das bei mir im 4. Lebensjahr anfängt. Dieses Ich teilt sich an andere Menschen mit und beeinflusst deren Ich. Lao Tse sagt:

„Wo kein anderer ist, da ist kein Ich.“

Wir sind eigentlich keine Individuen, sondern Ausprägungen des menschlichen Geistes, ich mag den antiken Begriff „Weltseele“. Das Ziel dieses Geistes ist der heilige, reine Geist, die Vernunft. Sie ist es, die unsterblich ist und in ihr werden wir unsterblich, auch wenn unser Körper stirbt. Diese reine Vernunft ist eine Eigenschaft des „Vaters“, also der Natur. Bei ihr gibt es kein Gut und Böse, sondern nur Richtig und Falsch, es gibt keine Sünde. Paulus hat über Jesus geschrieben „der die Sünde nicht kannte (2 Kor 5,21)“.

„(104) Sie sagten zu ihm: Komm, lass uns heute beten und fasten. Jesus sprach: Welches ist denn die Sünde, die ich begangen habe, oder worin ist man mir überlegen? Aber wenn der Bräutigam aus der Brautkammer herauskommt, dann soll man fasten und man soll beten.“

Ich gehe also davon aus, dass der christliche Wiederauferstehungsgedanke von Paulus stammt und seinen Ursprung in Jesus‘ Lehre hat, die praktische Vorstellung aber typisch pharisäisch ist. Jesus' Vorstellung war, dass die Auferstehung quasi vor dem Tod stattfindet:

„(59) Jesus sprach: Sucht nach dem Lebendigen, solange ihr lebt, damit ihr nicht sterbt und dann versucht, es zu sehen. Ihr werdet nicht sehen können.“

Das heißt, die Erkenntnis muss in diesem Leben erreicht und weitergegeben werden, damit sie uns in den nächsten Leben zur Verfügung steht. Diese Erkenntnis hat Jesus zu etwas ganz Besonderem gemacht, etwas, das aber jeder erreichen kann. Er sagt:

„(108) ... Wer aus meinem Mund trinkt, wird werden wie ich, und ich selbst werde zu ihm, und die verborgenen Dinge werden sich ihm offenbaren.“

In meinen Augen ist die Botschaft des Thomasevangeliums eine gelungene Synthese aus Vernunft und Religion, sozusagen eine „grand unifying theory“.

JP