Das Abfassungsdatum

Eine Abfassung des Thomasevangeliums vor den Paulusbriefen ist für mein Modell (siehe Das Modell) unabdingbar. Für eine Besprechung der Gegenargumente verweise ich auf die neuere Literatur (z.B. Nordsieck 2006; Plisch 2007; Goodacre 2012; Gathercole 2012 + 2014). Keines dieser Gegenargumente ist zwingend.

Form:
Die Spruchsammlung ist die einfachste Wiedergabe der Ansichten eines Lehrers. Sie deutet auf eine frühe Entstehung (Nordsieck 2006, 8; 10f). Die „moderne“ Form der Textpräsentation zu Jesus‘ Zeiten waren Historien, Briefe und Dialoge (Davies 1983, 16). Gerade die Wiederholung einzelner Inhalte gegen Ende der Sammlung passt besser zu einem einzigen Kompilator, der aus dem Gedächtnis aufschreibt, an was er sich noch erinnern kann, als zu einem über Jahrzehnte anwachsenden Text mit aufeinander folgenden Autoren. Überhaupt bezweifle ich, dass religiös bedeutende Texte wie das Thomasevangelium oder sein postuliertes Pendant, die Logienquelle Q, über Jahrzehnte immer wieder umgestaltet wurden. Die Bibel ist zwar eine gewachsene Sammlung, die einzelnen Abschnitte für sich waren aber meist stabil. Besonders beeindruckend finde ich die Sprüche 13 und 111, die einen von Jesus’ Lehre völlig hingerissenen Schüler zeigen, der damit gut der Autor sein kann, vermutlich der Apostel Thomas. Thomas wird auch schon in einem deutlich älteren griechischen Fragment als Verfasser angegeben (pOxy 654, 1-5).

Die Logienquelle:

Die Form des Thomasevangeliums passt auffallend gut zur bereits vor seiner Entdeckung postulierten Form von Q, der sogenannten Logienquelle der Synoptiker. Die Abfassung von Q wird zwischen Jesus’ Tod und den ersten Evangelien (um 70 n. Chr.) angesetzt.

Das sagenhafte „Hebräerevangelium“, von dem nicht viel bekannt ist, wird doch wohl auf Hebräisch oder Aramäisch abgefasst worden sein. Ein Zitat, das ihm entnommen worden sein soll, stammt aus dem Thomasevangelium: Spruch 2 (Clemens Alex Strom II, 45, 5). Im schwer datierbaren Apokryphon des Jakobus (NHC I, 2) schreibt Jakobus, dass er geheime Worte Jesus’ geschickt habe und, dass die Apostel nach Jesus’ Tod Sammlungen von Sprüchen schriftlich niedergelegt hätten (Apokryphon Jakobus, 1,9-19; 2,9-16). Ein Zitat von Papias (bis etwa 155 n. Chr.), von dem manche glauben, dass es sich auf Q bezieht, lautet:

Matthäus hat die Logien <von Jesus> also in hebräischer Sprache zusammengestellt; es interpretierte sie ein jeder aber so gut er es vermochte (Eusebius Hist eccl III, 39, 15).

Das Wort „͑ερμήνευσεν“ (hermeneusen) gebe ich mit „sie interpretierten“ statt mit „sie übersetzten“ wieder. Da ein großer Teil der Bevölkerung zweisprachig war, sind Schwierigkeiten bei der Übersetzung ausgeschlossen. Der zweite Satz des Thomasevangeliums beinhaltet das zugehörige griechische Substantiv: petaxe e cermhneia (petahe e thermenia): „Der, der die Bedeutung gefunden hat“. Vielleicht hatte er diesen Ausdruck vor Augen. Ich behaupte, dass Papias das Thomasevangelium gemeint hat. Der Schlusstitel des Thomasevangeliums und auch Teile der Einleitung können sekundär sein. Eine Verwechslung von Papias selbst ist möglich. Beide kommen in der Einleitung des Thomasbuchs vor (NHC II, 138, 1-4). Matthäus und Matthias sind im Hebräischen derselbe Name, ein kaum zitiertes Matthias-Evangelium taucht immer wieder in den Listen ketzerischer Schriften auf, oft neben dem Thomasevangelium (Clemens Alex s. u.; Origenes Homiliae in Lucam 1, 1; Eusebius Hist eccl III, 25, 6; Hieronymus Comm Matth Prolog; Ambrosius Exp Ev sec Luc 1.2). Die fraglichen 3 Zitate bei Clemens von Alexandria klingen wie aus dem Thomasevangelium oder einem sehr nahe verwandten Werk (Strom II, 45, 4; III, 26, 3; II, 208, 7-9; VII, 82, 1). Clemens von Alexandria sagt über Marcion, er habe sich auf Matthias berufen (Strom VII, 108, 1). Hieronymus sagt:

Im Hebräerevangelium — manche nennen es auch Apostel-, sehr viele Matthäusevangelium, welches in chaldäischer und syrischer Sprache, jedoch mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist, dessen sich die Nazarener bis heute bedienen ... (Hieronymus Adv Pelag III, 2).

Abb. 37: Papias

Man sieht, die Begriffe schwimmen. Es scheint so als dürfe man das Werk nicht bei seinem Namen nennen (wie bei Harry Potter „du weißt schon wer“). Auch ein absichtlicher Austausch der Verfasser Thomas und Matthäus durch Eusebius (der Papias zitiert) oder bereits durch seine Vorgänger Irenäus oder Origenes wäre angesichts der Differenzen zwischen den Ansichten des Thomasevangelium und denen der Großkirche gut vorstellbar (für eine vergleichbare Fälschung siehe auch: Das Testimonium Flavianum). Schließlich wurde es seit langem als ketzerisches Werk angesehen (Hippolyt Refut V, 7, 20). Matthäus galt deshalb immer als der Verfasser des ältesten Evangeliums im Neuen Testament, was für sein uns vorliegendes Evangelium ausgeschlossen ist (z.B. Bultmann 1957, 347). Interessant ist dabei auch, dass Eusebius und Origenes angeben, diese Logiensammlung sei in hebräischer und nicht in griechischer Sprache verfasst worden (palästinensisches Aramäisch ist bei diesem Begriff ebenfalls möglich). Sprachlich gilt es seit langem als unwahrscheinlich, dass das uns bekannte Matthäusevangelium anders als in griechischer Sprache verfasst worden ist (Olshausen 1833, 14f; Köster 1990, 318). Papias wird von Eusebius an benachbarter Stelle zitiert:

Kam einer, der den Presbytern gefolgt war, dann erkundigte ich mich nach den Lehren der Presbyter und fragte: ‚Was sagte Andreas, was Petrus, was Philippus, was Thomas oder Jakobus, was Johannes oder Matthäus oder irgendein anderer von den Jüngern des Herrn?’

Thomas wird also zusammen mit Matthäus von ihm ausdrücklich erwähnt. Eusebius musste nur die Namen vertauschen. Er stuft Papias an gleicher Stelle als geistig minderbemittelt ein. Das deutet auf große Meinungsdifferenzen hin, schließlich lagen über 100 Jahre zwischen ihnen. Respekt wäre da eher angezeigt gewesen. Mir fällt auf, dass Papias den „Apostel“ mit der größten Nachwirkung nicht nennt: Paulus von Tarsus. Papias’ Bücher hießen „Erklärungen von Herrenworten“. Das Matthäusevangelium muss man kaum erklären, das Thomasevangelium schon. Er schrieb (Eusebius Hist eccl III, 39):

Denn nicht hatte ich ... Freude, ... an denen, welche die fremden Gebote anführen, sondern an denen, welche die vom Herrn dem Glauben gegebenen und aus dem Glauben entspringenden Gebote der Wahrheit bieten.

Es gab also nach seiner Auffassung und zu seiner Zeit erfundene Gebote. Und weiter:

Denn ich war der Ansicht, dass aus Büchern geschöpfte Berichte für mich nicht denselben Wert haben können wie die Worte frischer, noch lebender Stimmen.

Er stand den Schriften – und das werden auch die kanonischen Evangelien gewesen sein – kritisch gegenüber. Das klingt für mich nicht wie der Unsinn eines Idioten, sondern nach jemandem, der nach der ursprünglichen Lehre Jesus’ inmitten von Fälschungen gesucht hat. Wir müssen annehmen, dass er auch ein paar Wahrheiten gefunden hat. Das Evangelium des Markus hat Papias viel zurückhaltender beschrieben als das des Matthäus:

Markus hat die Worte und Taten des Herrn, an die er sich als Dolmetscher des Petrus erinnerte, genau, allerdings nicht ordnungsgemäß, aufgeschrieben. Denn nicht hatte er den Herrn gehört und begleitet; wohl aber folgte er später, wie gesagt, dem Petrus, welcher seine Lehrvorträge nach den Bedürfnissen einrichtete, nicht aber so, dass er eine zusammenhängende Darstellung der Reden des Herrn gegeben hätte. Es ist daher keineswegs ein Fehler des Markus, wenn er einiges so aufzeichnete, wie es ihm das Gedächtnis eingab (Eusebius Hist eccl III, 39).

Markus, der Autor des vermutlich ältesten kanonischen Evangeliums hatte also nach Papias ein nicht ganz korrektes Werk verfasst, das eine wohl ebenfalls angreifbare Interpretation der Logien Jesus’ darstellte. Eusebius sagt an der genannten Stelle über Papias:

Papias bietet aber auf Grund mündlicher Überlieferung auch noch andere Erzählungen, nämlich unbekannte Gleichnisse und Lehren des Erlösers und außerdem noch einige sonderbare Berichte.

Unbekannte Gleichnisse enthält das Thomasevangelium auch. Seltsamerweise wird aus den fünf Büchern des Papias bei Eusebius oder anderen keine einzige Auslegung eines Jesus-Wortes oder auch nur ein Gleichnis zitiert, sondern nur sonderbare Berichte, die mir wie hanebüchener Unsinn vorkommen (sollen?). Am Ende gingen die fünf Bücher des Papias verloren, Irenäus, Origenes und Eusebius blieben respektierte und oft kopierte Kirchenväter. Papias hat zu einer Zeit gelebt, als er noch mit Menschen reden konnte, die Jesus’ Schüler gekannt hatten. Zu seinen Lebzeiten fand der Entscheidungskampf um die Nachfolge Jesus’ statt, der durch die Evangelien des Neuen Testaments markiert ist. Es sieht so aus, als ob Papias das Thomasevangelium oder ein nahe verwandtes, verlorenes Matthiasevangelium, als das ursprüngliche, schwer verständliche Werk mit den Sprüchen Jesus’ angesehen und mit Hilfe der noch lebenden indirekten Zeugen bearbeitet hat. Vielleicht passt dazu auch, dass Johannes, der Autor des letzten Evangeliums, der Papias gut kannte, ein anderes Werk hinterlassen hat als die Synoptiker: Zwar wahrt er den synoptischen Rahmen und rüttelt nicht an den theologischen Grundfesten, aber er verzichtet auf jedes wörtliche Zitat aus dem Thomasevangelium, übernimmt aber einige zusätzliche Ideen von ihm (siehe Das Neue Testament und das Thomasevangelium).

Abb. 38: Eusebius

Im dritten Jahrhundert schreibt Mani in den Kephalaia, dass Zarathustra, Buddha und Jesus ihre Lehren und Hoffnungen nicht selbst aufgeschrieben hätten, sondern erst ihre Schüler. Bei Zarathustra und Buddha erwähnt er Schriften im Plural, bei Jesus davon abweichend ein Buch (Keph 7, 26). Dieses soll Jesus’ Gleichnisse enthalten haben (Keph 7, 24). Die manichäischen Texte verwenden das Thomasevangelium häufig.

Zitate in Paulusbriefen:

Paulus bezieht sich äußerst selten auf die Lehren von Jesus. Nie gibt er Stellen aus den Evangelien des Neuen Testaments wörtlich wieder. Die bekannten inhaltlichen Parallelen (Allison 1982) haben die Evangelien von Paulus übernommen. Er erwähnt die Wunder und Heilungen aus einem hypothetischen hebräischen Matthäusevangelium, das dem Synoptiker entspräche, nicht. Oft zitierte er das Alte Testament. 1 Kor 2,9 ist deshalb besonders bemerkenswert:

Sondern wie geschrieben steht: ‚Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.‘

Ausdrücklich sagt er, dass das Zitat aus einer schriftlichen Quelle stammt. Jes 64,4 benutzt zwar ähnliche Worte in einem anderen Zusammenhang, in dieser Form ist es aber nur als Zitat von Spruch 17 aufzufassen und es macht damit das Thomasevangelium zum ältesten Text der „christlichen“ Literatur. An vielen Stellen in Paulus’ echten Briefen kommen Anspielungen auf das Thomasevangelium vor, die aber weniger Beweiskraft als das obige Zitat besitzen: (Spruch 22: Gal 3,28; 1 Kor 10,16f; 1 Kor 12,13; Eph 2,13ff – Spruch 53: Gal 5; Gal 6,15; 1 Kor 7,17ff; Röm 2,25ff – Sprüche 3, 37, 83-85: Gal 4,9; 1 Kor 13,12; 2 Kor 5,1ff; Eph 4,22ff; 1 Kor 11,7; 1 Kor 15,45ff; 2 Kor 4,4: Liste aus Nordsieck 2006,16; Nagel 1969, 376).

Verhältnis zu den Synoptikern. Nachdem man zu Beginn von einer Abhängigkeit des Thomasevangeliums von den Synoptikern ausgegangen ist, hat sich mittlerweile das Blatt gewendet. Oft wird die Unabhängigkeit beider Überlieferungen betont (Nordsieck 2006; Davies 1983, 12), es gibt aber sogar Arbeiten, die versuchen, die Abhängigkeit des vermutlich ältesten Kanonikers, des Markusevangeliums (Davies 1996), und auch des Lukasevangeliums (Riley 1995) vom Thomasevangelium zu zeigen. Auch die bisher ältesten christlichen Dokumente, die Paulusbriefe, werden im Thomasevangelium weder zitiert noch erwähnt. Ohne im Einzelnen auf die Argumente der Befürworter einer Abhängigkeit des Thomasevangeliums von den Synoptikern einzugehen, teile ich ihre Überzeugung, dass eine Abhängigkeit zwischen den Synoptikern und dem Thomasevangelium besteht. Ihr Postulat muss aber umgekehrt werden. Autoren wie Schrage und seine modernen Nachfolger im Geiste fanden eine Abhängigkeit unseres Textes von allen Synoptikern, nicht nur von einem Text. Selbst einzelne Sprüche seien aus der Kombination von mehreren Vorlagen zusammengesetzt worden (z.B. Spruch 20 von Mk 4,30-2; Lk 13,18f; Mt 13,31f in Schrage 1964, 62). Wenn die Unabhängigkeit und die Ursprünglichkeit der Sprüche des Thomasevangeliums erwiesen sind, bedeutet das, dass umgekehrt alle Synoptiker vom Thomasevangelium abhängen.

Wichtig ist bei der Klärung der gegenseitigen Abhängigkeit von Thomasevangelium und Kanonikern, wie in der Kriminalistik, das Motiv. Der hypothetische Autor eines späten gnostischen Thomasevangeliums hatte kein erkennbares Motiv, lange nach Erscheinen der Kanoniker so zu tun, als kämen die Sprüche und Gleichnisse direkt von Jesus, obwohl es nur Plagiate waren. Er hätte sich die größte Mühe geben müssen, alle Spuren der Abhängigkeit zu verwischen und sich aus allen verfügbaren Quellen zu bedienen. Dann hätte dieser Autor noch die bereits „aufgeklärten“ Aussagen von Jesus nachträglich mit einem kaum zu durchdringenden Geheimnis umgeben müssen. Niemand hätte das geglaubt. Andere Texte aus dem „gnostischen Umfeld“ gingen ganz anders vor. Sie verschleierten die Herkunft ihrer Zitate nicht, sondern erklärten Bekanntes nach ihrer Theologie auf andere Art. Die oft vermutete völlige Unabhängigkeit von Kanonikern und Thomasevangelium ist schwer vorstellbar. Das Zitat in 1 Kor 2,9 und viele Hinweise in den Paulusbriefen sprechen dagegen (s.o.). Umgekehrt ist das Motiv der Kanoniker offenbar: Sie haben eine Lehre, die auf der einen Seite äußerst schwer verständlich war, auf der anderen Seite - soweit verständlich - ihrer Theologie zuwider lief, umgewandelt, ergänzt und in eine Historie und eine Art Alexanderroman gebettet. Das Ziel war, der weit verbreiteten und weit gefächerten Anhängerschaft von Jesus’ Lehren eine neue Richtung zu geben: Die Theologie des Paulus von Tarsus.

Kein Hinweis auf spätere Ereignisse:

Das Schicksal der Juden im ersten Jüdischen Krieg und die Zerstörung des zweiten Tempels werden in den Kanonikern „vorhergesagt“ (Mk 13,2; Mk 13,8). Nichts davon findet sich im Thomasevangelium.

Weiteres:

Im Thomasevangelium wird die Auferstehung von Jesus nicht thematisiert. Kreuzigung und Auferstehung spielen keine Rolle. Es werden nur wenige Jesustitel verwendet, der Messiastitel, sonst der häufigste, gar nicht (siehe Begriffe) (Davies 1983, 81).

Gilles Quispel war immer der festen Überzeugung, dass das Thomasevangelium aus einem judenchristlichen Milieu entstanden ist (Quispel 1975). Auch wenn ich seine Auffassung, dass es in Edessa um 140 n.Chr. geschrieben wurde, nicht teile, so teile ich doch seine Überzeugung, dass das Thomasevangelium in einer jüdisch dominierten Umgebung entstanden sein muss. Mit der ausführlichen Behandlung von typisch jüdischer Religionskultur wie Fasten, Beten, Taufe, Almosen richtet sich das Thomasevangelium eindeutig an Juden und nicht an Christen oder „Heiden“, die sich dafür kaum interessiert haben dürften. Das entspricht dem frühen Stadium der Mission, wie von den Kanonikern geschildert.